Die sich vertiefende Liebe von Petrus PDF Drucken E-Mail

Vom Christus- Prinzip zum Christus- Bewusstsein und der Wichtigkeit einer genauen Bibelübersetzung

Als Christen sind wir ‘Menschen des Buches’ (wie unsere jüdischen und islamischen Geschwister). Unsere Theologie und Spiritualität gründet in den heiligen, inspirierten Texten, die aus dem Boden des Mittleren Ostens hervorgegangen sind. Unsere Beziehung zu unserem himmlischen Vater und zu Christus entwickelt sich zunächst aus den Berichten, die im Neuen Testament enthalten sind, wobei die vier Evangelien für unser spirituelles Verständnis und Wohlergehen entscheidend sind.

Es ist daher wesentlich für uns, dass wir uns dem Werk Christi, so wie es durch die Augen von Markus, Lukas, Matthäus und Johannes gesehen wird, nähern. Da wir jedoch Jahrhunderte, Länder und zahlreiche Erzählungen vom ursprünglichen

Geschehen entfernt sind, (der Inkarnation von Christus), müssen wir uns auf die verschiedenen Übersetzungen der Bibel verlassen (solange wir nicht das Glück haben, biblisches hebräisch, griechisch oder aramäisch zu sprechen). Eine wortgetreue Übersetzungen trägt zum Verständnis der Evangelien bei.

Hier ein Beispiel aus dem Evangelium nach Johannes, an dem wir betrachten können, was bei einer Übersetzungen auf dem Spiel stehen kann. Nach seiner Auferstehung kommt Christus zu Petrus nach Galiläa und beide führen ein tiefgehendes Gespräch. In einer Vielzahl von Übersetzungen in verschiedenste Sprachen lesen wir:

Da sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon Jona, hast du mich lieber, denn mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, HERR, du weisst, dass ich dich liebhabe. Spricht er zu ihm: Weide meine Lämmer! Spricht er wieder zum andernmal zu ihm: Simon Jona, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, HERR, du weisst, dass ich dich liebhabe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Spricht er zum drittenmal zu ihm: Simon Jona, hast du mich lieb? Petrus ward traurig, dass er zum drittenmal zu ihm sagte: Hast du mich lieb? und sprach zu ihm: HERR, du weisst alle Dinge, du weisst, dass ich dich liebhabe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! (NT. Luther 1912 — Johannes 21:15-17)

Auf diese Art gelesen, wird Petrus rehabilitiert: Nachdem er Christus auf dem Kalvarienberg dreimal verleugnet hatte, versichert er Jesus als seinem Lehrer und Freund nun seine Liebe. Der Vorrang von Petrus — dem ersten Kirchenvater — wird gestärkt. Aber eine wortgetreue Übersetzungen des ursprünglich griechischen Textes liest sich wie folgt

Als sie nun nahe gehalten, sagt zu Simon Petrus Jesus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Sagt er Ihm: Ja, Herr, Du weisst, dass ich Dir Freund bin. Sagt Er ihm: Hüte meine Lämmer. Sagt Er ihm wiederum zum zweiten Mal: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Sagt er Ihm: Ja, Herr, Du weisst, dass ich Dir Freund bin. Sagt Er ihm: Weide meine Schafe. Sagt Er ihm zum dritten Mal: Simon, Sohn des Johannes, bist du mir Freund? Betrübt ward Petrus, dass Er so gesagt hat, zu ihm, zum dritten Mal: Bist du mir Freund? Und er sagt Ihm: Herr, alles weisst Du, Du erkennst, dass ich Dir Freund bin. Sagt zu ihm Jesus: Hüte meine Schafe. (Das Johannesevangelium. Eugen Drewermann Walter Vlg., Düsseld.; ISBN: 3530169102)

Griechisch ist eine reiche Sprache und es ist klar, dass der Autor des Johannesevangeliums sich absichtlich des Griechischen bediente. Petrus, so scheint es, konnte sich nicht zu der Höhe erheben, zu der Christus ihn einlud (die spirituelle Liebe von agapao), konnte aber seine Freundschaft erklären (phileo). Vielleicht war es die frische Erinnerung an das Verleugnen Christi auf dessen Weg zum Kreuz, die ihn lehrte, keine weiteren nicht haltbaren Versprechen abzugeben. Wir erinnern uns, dass Petrus sein Verhältnis zu Jesus dreimal verleugnete — wie von Christus vorhergesagt — als er angeklagt wurde, mit Jesus verbunden zu sein;

Aber er leugnete es und sagte: ‘Frau, ich kenne ihn nicht.’ Ein wenig später sagte ein anderer, der ihn sah, „Du bist auch einer von ihnen.“ Aber Petrus sagte: „Mann, ich bin es nicht!“ Dann, ungefähr eine Stunde später bestand noch ein anderer darauf: ‘Natürlich war dieser Mann mit ihm zusammen, denn er ist ein Galiläer.’ Aber Petrus sagte: Mann, ich weiss nicht, wovon du sprichst.’ In diesem Moment, noch während er sprach, krähte der Hahn. Der Herr wandte sich um und sah Petrus an. Da erinnerte sich Petrus an das Wort des Herrn, wie er zu ihm gesagt hatte: ‘Bevor der Hahn heute kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.’ (Lukas 22: 57-61)

Petrus liebte seinen Lehrer und seinen Freund: Mit seinem Kopf und seinem Herzen würde er Jesus durch den Prozess und die Kreuzigung hindurch nicht im Stich lassen. Aber Petrus trachtete danach, sich selbst zu schützen, als er über sein Verhältnis zu Jesus befragt wurde. Er liess seine höheren Ideale links liegen, als er aus dem Unbewussten handelte (instinktiv und reflexartig). Später, nach einem Sichbesinnen, erkannte Petrus seine Unzulänglichkeit und fiel in einen Zustand tiefer Reue. Später, als Christus Petrus in Galiläa findet, ist es nicht Freundschaft, die von ihm verlangt wird. Christus fragt Petrus, ob er ihn „mehr liebt (agapo) als diese“ (Joh. 21:15), das heisst mehr als alles, was die Welt zu bieten hat. Jesus ersucht Petrus jetzt darum, den Kosmischen Christus, das Christusbewusstsein zu lieben.

Die Wichtigkeit einer vollen und getreuen Übersteuerung kann man nicht überschätzen. Wenn Petrus Christus in Galiläa die Freundschaft dreimal versichert und nicht die spirituelle Liebe, und Christus bei den beiden ersten Malen nach der spirituellen Liebe von Petrus sucht und dann bei der letzten Frage nach Freundschaft fragt, gibt es eine Vielzahl von Folgerungen.

In einer guten Übersetzungen finden wir:

  • die ungeheure Ehrlichkeit von Petrus, der vor seinem Lehrer und Freund steht, um dreimal die Grenzen seiner Liebe zu gestehen. Der Archetypus von Petrus ist ein vollständiges und lebendiges Modell, mit dem sich die meisten von uns identifizieren können; die Sehnsucht danach, teilzuhaben am Göttlich - Christlichen, gepaart mit einer chronisch menschlichen Orientierung!

  • das feine Auftreten der Gnade Christi, zuerst im Versuch, Petrus emporzuheben, aber dann (mit der dritten Frage), Petrus auf Petrus Ebene zu begegnen! Die Gnade Christi, Petrus und uns zu akzeptieren, wo wir jetzt sind, mit allen unseren Beschränkungen, ist aus der Liebe Gottes geboren.

  • die unglaubliche Arbeit des Heiligen Geistes, ein hartes Herz (oder einen Stein) weicher zu machen. Der Heilige Geist ist teilweise der weibliche und intuitive Aspekt Gottes, und er ist heilend und mütterlich. Wir lesen auf den wenigen Seiten, die dem Johannesevangelium folgen (Apostelgeschichte 3:1-26), dass Petrus sowohl lehrt als auch heilt im Namen von ‘Jesus Christus’ (Apos. 3:6). Die Bezeichnung „Jesus Christus“ bedeutet, dass Petrus sich der doppelten Natur des Gott-Menschen jetzt bewusst ist: Der Menschensohn (Jesus) und der Sohn Gottes (der Christus). Durch die Gnade von Pfingsten, die Berührung durch den Heiligen Geist, war Petrus zu einem vollständigen Verständnis des Göttlichen Christus gekommen, und war selbst in das Christus - Bewusstsein eingetreten!

In der unten abgebildeten Mosaik sehen wir ein Bild des Hl. Petrus, welches seine Verwirklichung darstellt: Die zwei Finger, die Petrus hebt, symbolisieren die doppelte Natur Christi. Diese Verwirklichung ist grundlegend für Christen und sie ist durch die Inspiration des Heiligen Geistes möglich.

Was sagt uns die Prüfung des Petrus?

Was unsere moralisch-mystische Entwicklung betrifft (und unser Verhältnis zu den Lehren des esoterischen Christentums) können wir sehen, dass Petrus (und wir alle) zu Christus auf drei Ebenen in Beziehung stehen: Wir können dem Christus-Bewusstsein auf der physischen Ebene dienen, indem wir unsere Treue, unsere Zeit und unsere materiellen Ressourcen anbieten. Wenn wir lindern, trösten und heilen, dienen wir Christus auf der emotionalen Ebene. Wenn wir Führung und Rat anbieten, und spirituelle Ideale und Prinzipien fördern, beziehen wir uns zum Christus - Bewusstsein auf der mentalen/noetischen Ebene. Zuhause, bei der Arbeit und in der Gesellschaft befinden wir uns immer wieder in Alltagssituationen, wo wir die heilenden und erhebenden Werte unseres Glaubens reflektieren können. Während ich diesen Artikel schreibe,

 

braucht meine zweieinhalb Wochen alte Tochter meine körperliche und emotionale Fürsorge, um einschlafen zu können, und liegt so im Wettstreit mit meinem Versuch, die Ideale des Christus durch dieses Essay aufzuzeigen! Wir müssen allen Bedürfnissen dienen.


Das Christus-Prinzip (nach dem Beispiel von Jesus zu handeln) wird uns nicht aufgezwungen, vielmehr adoptieren wir es als ein Modell für die Praxis, dem eigenen Weg entsprechend. Wenn das Christus-Prinzip die innere Erde unserer Persönlichkeit weicher gemacht hat, kann dann das Christus - Bewusstsein in unser Bewusstsein hineinwachsen. Es ist die Bewegung in das Christus - Prinzip hinein, die es dem Christus - Bewusstsein ermöglicht, sich zu entfalten. Dies ist die grundlegende Lehre der Theosis (Vereinigung mit der Gottheit): dass die Welt uns - aufgrund all ihrer Komplikationen - all die Erfahrung bietet, die wir brauchen, um spirituell zum Christus-Bewusstsein zu reifen.

Dem Christus-Prinzip nahe zu kommen ist ein Engagement in zwei Richtungen. Wir verpflichten uns:

  1. dem Dienen (Heilen, Trösten, Beraten und Lehren)
  2. der inneren Entwicklung (ein Charakter, der frei ist von Heuchelei, reich an Achtsamkeit, Mitgefühl, Toleranz und Freude.) Beide Aspekte sind gleich wichtig und einer beruht auf dem anderen: Dienen braucht Achtsamkeit, und Achtsamkeit braucht einen Weg, sich auszudrücken. Der Grad, mit dem wir das Christus- Bewusstsein verkörpern, kann direkt daran gemessen werden, bis zu welchem Grad wir seine Werte im alltäglichen Leben verwirklichen.

DIENEN

Wenn wir bei Jesus auf seinem Weg zum Kreuz bleiben (durch unsere Fürsorge für andere Menschen)

   

Unsere mentalen/noetischen Ressourcen dienen dem

   

Unsere emotionalen / psychischen Ressourcen dienen dem

 

 

Unsere physischen / grobstofflichen Ressourcen dienen dem

   

Innere Entwicklung

Wenn wir bei Jesus auf seinem Weg zum Kreuz bleiben (durch unsere Fürsorge für andere Menschen)

 

Unsere mentale / noetische innere Entwicklung begegnet dem

   

Unsere emotionalen / psychischen innere Entwicklung begegnet dem

   

Unsere physischen / grobstofflichen Ressourcen dienen dem

   

Der Pfad von Petrus, oder der Petrus - Archetypus, ist kraftvoll, reich und vollkommen: Er führt uns von einer Liebe zum Menschensohn, einer Lebensweise nach dem Christus- Prinzip, zu einer sich steigernden Liebe zu dem Gottessohn, wo wir in die Schönheit, den Frieden und die Ruhe des Christus- Bewusstseins eintreten.

Mögen wir alle in diesen Frieden eintreten.

 
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